Sunflowers
Der Anfang und die Reise

Ich bin zwölf Jahre alt gewesen, als ich Frau S. O. und ihren Verein "Fortschritte e.V." kennen gelernt habe. Damals bin ich zum ersten Mal mit auf eine Osterferienreise nach Mirow gefahren. Dieser Ort liegt in Mecklenburg-Vorpommern an der Mecklenburgischen Seenplatte.

Zu diesem Zeitpunkt war ich noch vollkommen unbehelligt und habe mir auch keine abartige, erniedrigende Lebensweise in irgendeiner Art vorstellen können. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich mich aufs Verreisen gefreut hatte. Meine Eltern waren gerade frisch geschieden und ich habe die Welt nicht mehr verstanden und die Reise brachte mich auf andere Gedanken. In meiner Erinnerung kam Frau S. O. ungefähr eine oder zwei Wochen vor Beginn der Fahrt, ich weiß es nicht mehr genau, zu uns nach Hause. Sie kam mit einem jungen Mann, um einen Hausbesuch durchzuführen. Der Hausbesuch diente zur Sicherstellung meiner Betreuung und einem gegenseitigen Kennenlernen. Frau S.O. war zu mir und meiner Mama sehr nett und während sie meine persönlichen Daten in das Anmeldeformular eintrug, unterhielten wir uns über meine angeborene Behinderung und den damit verbundenen Unterstützungen und den von mir im Alltag benötigten Hilfsmitteln. Ich fand es total toll, als ich erfuhr, dass sich die Teilnehmer vor der Abfahrt schon einmal treffen, um die ganze Reisegruppe kennenlernen zu können. Dieses Treffen erleichterte es mir, mich schneller auf die verschiedenen Behinderungen der Teilnehmer und auf die Betreuer einzustellen.
Eine Woche nach unserem Zusammentreffen sind wir dann losgefahren. Übrigens, bei allen darauffolgenden Fahrten wurden auch solche Vortreffen durchgeführt. Aber jetzt noch einmal zu meiner ersten Fahrt zurück. Der Bus traf gegen zehn Uhr am Berliner Ostbahnhof ein. Wir standen alle mit unseren Rollstühlen in einer Reihe und warteten voller Vorfreude, bis das Gepäck im Anhänger verstaut war. Jetzt kamen wir an die Reihe, einer nach dem anderen. Jeder, der die schmale Bustreppe nicht hoch laufen konnte, zu denen ich auch gehörte, wurde von zwei Betreuern zu seinem Platz getragen. Mein Platz befand sich zu meiner Sitzsicherheit am Fenster, so dass ich nicht zur Seite in den Gang des Busses kippen konnte. Als alle Rollstuhlfahrer im Bus saßen, stiegen die Läufer ein. Während sie das taten, wurden nur noch unsere Hilfsmittel wie E-Rolli, Duschstuhl e.c. verstaut. Fertig! Jetzt kamen auch die Busfahrer und Betreuer nach oben und kurz darauf wurden wir noch einmal durchgezählt. Dann hatte das Warten endlich ein Ende. Jetzt fuhren wir in den Urlaub und unsere Eltern standen winkend am Busfenster. Mama winkte, ein Glücksgefühl von Freude stieg in mir auf, nun endlich zu verreisen. Die Stimmung im Bus glich einer ausgelassen feiernden Party. Wir hörten laute Musik oder sahen uns DVDs an. Ich habe immer meinen eigenen CD- Player und meine eigenen CDs mitgenommen. Wenn ich Hunger bekam, rief ich nach einem der im Bus anwesenden Betreuer und bat sie oder ihn mir beim Essen behilflich zu sein. Als mein von meiner Mama liebevoll gepackter Rucksack von der Gepäckablage genommen wurde, setzte sich der Betreuer immer auf den Platz neben mir. Kaum wurde der Rucksack geöffnet, stieg mir ein wunderbarer Duft in die Nase und ließ mir das Wasser im Mund zusammen laufen. Solch ein lecker Proviantrucksack enthielt beispielsweise: Wurstbrote, Käsebrote, Möhren, Gurkenstücke, Tee oder Saft und Süßigkeiten wie Schokolade, Kekse und Gummibärchen. All diese Leckereien ließ ich mir schmecken. Meist habe ich das Essen gar nicht geschafft, zu gut hatte es meine Mama gemeint. Aber so hatte ich für den nächsten Tag etwas übrig. Da wir sehr viele Rollstuhlfahrer waren, brauchten wir im Schnitt acht bis neun Stunden für die Hinfahrt. Diese Zeitspanne war unumgänglich, da wir eine Pause von zwei Stunden machen mussten, damit jeder auf Toilette gehen konnte. Als wir auf dem Rastplatz standen, wurden unsere Rollis aus dem Hänger geholt und dann ging es los. Wir wurden zu den Toiletten geschoben, damit wir den Rest der Fahrt überstehen. Es war sehr anstrengend für uns alle, da wir sehr lange warten mussten, bis es wieder weiter gehen konnte. Ich wünschte mir nur, bald anzukommen.

Als wir endlich da waren, stiegen alle erschöpft und müde aus dem Bus aus und trugen unser Gepäck ins Haus rein. Nachdem alles ins Haus gebracht wurde, gab es Nudeln mit Tomatensauce, dann gingen wir schlafen. Am nächsten Tag packten wir alle Sachen aus und erkundeten die Umgebung. Wir haben in den zwei Wochen schöne Sachen unternommen. Wir sind schwimmen gewesen und haben Stadtausflüge gemacht.

Aber es gibt auch eine Situation, die ich nicht vergessen kann, nämlich die, als ich krank geworden bin und ins Krankenhaus kam. Ich habe eine Magenverstimmung erlitten, die mir Übelkeit bescherte und mich entkräftete. Ich war an diesem Tag nicht in der Lage, etwas zu mir zu nehmen. Die Betreuer wussten nicht, was sie tun sollten, um mir zu helfen. Frau S.O. rief einen Arzt an, der sich meinen Gesundheitszustand ansehen sollte. Kurze Zeit später kam eine, in meiner Erinnerung etwas ältere Ärztin in mein Zimmer und erkundigte sich nach meinem Befinden. Ich war sehr müde und fühlte mich einfach elend, da ich an diesem Tag nichts essen und auch nichts trinken konnte. Die Ärztin fragte Frau S.O., ob ich etwas getrunken habe, sie sagte, dass ich den Tee nicht bei mir behalten konnte. Als die Ärztin sagte, dass sie sich mit Spastikern nicht auskenne, bestand sie darauf, dass ich ins Krankenhaus gebracht werden müsse. Für mich war es eine grausame Vorstellung, jetzt gleich im Krankenhaus zu liegen und ich begann vor Angst zu weinen. Ich war bis dahin noch nie ohne einen Elternteil im Krankenhaus gewesen. Ich wurde also abgeholt und ein Betreuer begleitete mich. Ich wurde an den Tropf gehangen.

Nach einer Nacht im Krankenhaus durfte ich wieder raus, aber nur weil Frau S.O. mit einigen Teilnehmern ins Krankenhaus kam und um meine Entlassung bat.

Ich hatte trotz des Vorfalls viel Spaß auf der Reise. Bei den Stadtausflügen bekam ich die Erlaubnis mit meinem E- Rolli voraus zu fahren.

So kann man sich das Kennenlernen zwischen mir und "Fortschritte e.V." vorstellen. Mit dieser Fahrt ergab sich für mich für viele Jahre eine Regelmäßigkeit. Ich fuhr immer in den Sommerferien weg, aber als ich in der achten Klasse war, brach unser Kontakt für zwei Jahre ab. Warum, kann ich nicht mehr sagen. Der Kontakt festigte sich erst wieder, nachdem ich die zehnte Klasse erreichte.

22.9.13 16:28
 
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