Sunflowers
"Erwachsen" werden

Da ich die zehnte Klasse in zwei Jahren absolviert habe, bin ich zweimal auf Klassenabschlussfahrt gewesen. Auf der ersten Fahrt nach Kopenhagen, diese Stadt liegt in Dänemark, begleitete mich Frau S.O. als zweite Assistentin. Am Anfang freute ich mich, dass Frau Silke H. und Frau S.O. meine Assistenz zusammen übernehmen. Aber die Freunde löste sich schnell in Luft auf, weil sie sich darüber stritten, wie mich Frau Silke H., nach der Meinung von Frau S.O., anzufassen hätte. Frau S.O. gab gegenüber von Frau Silke H. an, dass sie sich besser mit den ganzen Griffen und der Pflege bei mir auskenne, da sie schließlich schon seit dreißig Jahren im Behindertenbereich tätig war. Für mich war es keine einfache Situation, da ich die Hilfe in Anspruch nehmen musste.
Als wir eine Stadtrundfahrt mit dem Bus durch Kopenhagen gemacht haben, kam Frau Silke H. wieder in eine unangenehme Situation, als ich mit meinem Rolli durch den Bus geschossen bin und umkippte. Ich weiß bis heute, wie scharf der Busfahrer gebremst hat.

Vor der Fahrt hatten wir gefragt wie lange die Fahrt dauern wird und als die Auskunft kam, dass es nur eine viertel Stunde dauern würde, entschieden wir, dass ich in meinem Rolli sitzen bleiben kann. Dann passierte es, der Bus bremste und mein Rolli rutschte mit einer ruckartigen und schnellen Bewegung nach vorne. Ich rutschte bis zu Bustür und hing mit dem Kopf kurz über dem Boden. Als ich mit meiner Nase an der Schiebetür klebte, hob mich Frau S.O. ganz langsam samt meines Rollstuhls wieder hoch. Als ich wieder aufrecht saß schrie Frau S.O. Frau Silke. H. an, dass sie nicht so rumstehen sollte. Ich spürte, dass ich mir wehgetan hatte und fühlte einen Schmerz am meinem linken Ellbogen. Auch an meinen vorderen Schneidezähnen stellte ich fest, fleht eine Ecke. Während mir der Schreck immer noch durch die Glieder fuhr, kamen meine Lehrer nach hinten und erkundigten sich ob es mir gut geht. Dann öffnete der Fahrer die Tür und erkundigte sich ebenfalls ob alles okay ist und sagte, dass er Kurte hätte und bot sie uns an. Frau S.O. regte sich sehr darüber auf und ließ es an Frau Silke H. aus.
Solche Momente sind mir im Gedächtnis haften geblieben. Diese Klassenfahrt war der Anfang für die Zeit, als Frau S.O. meine Schulassistenz gemacht hat. Frau S.O. teilte sich meine Assistenz mit Herrn Michael R. untereinander auf. Herr Michael R. betreute mich an zwei Tagen pro Wochen und wir verstanden uns gut. Ich freute mich, wenn er zu mir kam.
Ein Problem gab es jedoch: Wenn ich in der Pause auf Toilette musste, durfte er mir nicht helfen, das war eine strikte Dienstanweisung von Frau S.O. und bedeute für mich erst mal, im ganzen Schulgebäude nach der Krankenschwester suchen. Als ich sie endlich gefunden hatte, stand ich oft vor dem nächsten Problem. Da mir durch die Suche so viel Zeit verlor, habe ich es häufig nicht mehr bis zur Toilette geschafft und bekam Ärger. Es war nicht nur eine Situation, in der ich mir im Nachhinein von Frau S.O. anhören musste, dass ich überhaupt nichts wert sei.

Als Frau S.O. mit assistieren an der Reihe war, brachte sie ihren Dackel „Momo“ immer mit ins Wohnheim und sperrte ihn, wenn ich Unterricht hatte, in meinem Zimmer ein. Sobald ich eine Freistunde hatte, gingen wir wieder nach oben in das Wohnheim, wo Momo schon sehnsüchtig auf uns in meinem Zimmer wartete. Kaum im Zimmer angekommen, durfte ich mir wieder einen Vortrag darüber anhören, wie schlecht meine Mitarbeit und meine Ausdrucksweise im Unterricht wären. Oft bekam ich an den Kopf geknallt, dass ich nicht in der Lage sei, eigenständig zu denken und nur von den Aussagen meiner Mitschüler profitierte. Gegen diese Behauptungen wehrte ich mich unermüdlich, denn meine Lehrerinnen und Lehrer bekräfteten dies täglich, indem sie meine Leistungen erkannten und entsprechend bewerteten. Dennoch fühlte ich mich sehr klein und war wütend und zugleich verunsichert. Frau S.O. zeigte mir schon zu Beginn der Übernehmung meiner Assistenz meine Defizite auf, dass tat sie sehr kontinuierlich, bis ich selbst glaubte, ich könne nichts. Ich erinnere mich noch genau daran, wie wir zusammen in meinem Zimmer saßen und sie mir weismachen wollte, ich würde keinen eigenen Antrieb zum selbständigen Lernen entwickelt habe. Aufgrund dessen, dass ich mich auf meiner Behinderung ausruhen würde, bestünde für mich keine Möglichkeit in meinem Leben etwas zu erreichen. Ich wurde sozusagen nur im Entdecken und Wahrnehmen meiner eigenen Defizite nachhaltig unterstützt. Die Situation, in der mir Frau S.O. vorhielt, mit viel Übung könne ich genauso schnell wie andere Menschen schreiben... Ich wusste und weiß schon immer, was ich mir mit meiner angeborene Spastik noch weiter erarbeiten kann und akzeptiere die Grenzen. Diese Grenze wollte Frau S.O. mit Gewalt durchbrechen. Für mich waren solche Sätze sehr verletzend, aber es sollte sich in den kommenden drei Jahren zu einem richtigen psychischen Spiel ausweiten, dass Frau S.O. gegen mich gewinnen wollte. Sie wird es jedoch nicht.

Als ich mich entschied, dass ich nach Berlin ziehe möchte, erzählte mir Frau S.O. davon, dass Frau C.PF. ihr Anerkennendes Jahr im Rahmen der Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin im Evangelischen Johannesstift (EJS) absolviert, wo ein junger Mann namens Chris H. wohnt, der auch in eine WG einziehen möchte. Frau S.O. fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, mich mit ihm zu verabreden, damit wir uns kennenlernen können. Als ich ihr mein Einverständnis gegeben hatte, vereinbarten wir einen Zeitpunkt und einen Ort für unser erstes Zusammentreffen. Ich weiß noch, dass ich mit Frau S.O. und mit Frau C.PF. geschlagene drei Stunden vor dem Zoo auf ihn gewartet habe.
Als wir durch den Zoo gingen unterhielten wir uns über viele Themen. Er erzählte mir warum er ausziehen möchte. Er sagte, dass es für ihn nicht infrage käme in eine Wohngruppe mit Menschen zusammen zu ziehen, die nicht in unserem Alter seien.

Nach unserem ersten Zusammentreffen wollte Frau S.O. sofort eine Entscheidung von uns mitgeteilt bekommen. Kaum haben wir ausgesprochen, dass es für uns beide durchaus vorstellbar sein könnte, begann Frau S.O. mit der Planung für die WG. Nachdem ich meinen Zehnte-Klassen-Abschluss in der Tasche hatte, fuhr ich für sechs Wochen nach Holland und bevor ich von meinem Papa und seiner Frau Anna zum Reisebus gebracht wurde, setzten wir noch schnell einen Betreuungsvertrag auf. Der Vertrag enthielt entsprechende Punkte, die meinen Hilfebedarf deutlich darlegten. Als mein Papa Frau S.O. bat, sich den Vertrag durch zu lesen weigerte sie sich und schrie: „Sie können es vergessen, dass ich so eine Scheiße unterschreibe!“ Nach einem heftigen Streit akzeptierte sie schließlich den Wunsch meines Papas, zu wissen, dass sein Kind abgesichert wird.

Ich fuhr also im Sommer 2010 für sechs Wochen nach Holland, wo mir bewusst wurde, dass ich gerade ins kalte Wasser gesprungen bin. Meine Zukunft war nicht sicher. Ich war zwar an der Fachoberschule für Sozialwesen in Berlin Pankow angenommen, aber das ist auch die einzige Tatsache gewesen, die feststand. Alles andere was mich und meine Betreuung betraf war offen.

22.9.13 16:31
 
Letzte Einträge: Frau S.O., Der Anfang und die Reise


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen
Gratis bloggen bei
myblog.de